Kolumne

Stille Stunden oder Schulstress im Advent? · Dezember 2005

sind Sie schon in vorweihnachtlicher Stimmung?

Die Weihnachtsmärkte sind aufgebaut, die Geschäfte haben samstags lange geöffnet, sodass jeder Zeit zum Einkaufen der Geschenke finden kann. Schulen und Kindergärten führen Adventsbasare durch, wo Selbstgebasteltes erworben werden kann und der Erlös einem guten Zweck dient.

Der Adventskranz steht hübsch geschmückt auf dem Tisch. Wo aber bleiben die stillen Stunden, von denen ich gerade in einer Zeitschrift für “Kindergarten-Kinder-Eltern” gelesen habe?

Ja, mit Kindern im Kindergartenalter oder mit Grundschülern ist es noch einigermaßen leicht, diese “stillen Stunden” in den Alltag einzubauen. Besucht das Kind aber eine weiterführende Schule, dann bleibt wenig Zeit für Besinnlichkeit.

Die Mathematikarbeit, das anstehende Diktat und der Vokabeltest in Englisch und vielleicht noch ein unangekündigter in Französisch und da war doch noch die Musikarbeit am Freitag – also lernen und üben am Nachmittag statt basteln in vorweihnachtlicher Stimmung.

Es ist selbstverständlich kein böser Wille der Lehrer, wenn jetzt viele Klassenarbeiten auf dem Plan stehen, schließlich müssen diese geschrieben werden und nach den Weihnachtsferien ist die Zeit bis zur Notenkonferenz knapp. Anfang Februar muss schon die Halbjahresinformation ausgegeben werden. Bald ist es Zeit für die Grundschulempfehlungen für die weiterführenden Schulen.

Aber davor können wir die Adventszeit, Weihnachten und die Weihnachtsferien genießen. Wenn wir es denn schaffen.

Ich persönlich habe mich von den “stillen Stunden”, in denen in ruhiger und besinnlicher Atmosphäre gebastelt, gebacken und gesungen wird, verabschiedet. Ich nehme auch mit halben Stunden oder weniger vorlieb. Wenn der Sohn für die Klassenarbeit lernen muss, dann ist das eben so und geht vor. Dann gilt es, die verbliebene Zeit zu nutzen. “Quality-time” mit den Kindern zu verbringen, nennt man das ja heute, wenngleich doch jede Zeit ihre Qualitäten hat, die nur jeweils unterschiedlich sind. Auch das Lernen für eine Mathematikarbeit im Advent kann die Erfahrung von Stille und Freude bedeuten, insbesondere, wenn die Mühe dann mit Lernerfolg belohnt wird. Auch das macht Kinder glücklich.

Aber ein bisschen vorweihnachtliche Stimmung möchte man ja auch haben.

Eine schöne Erfahrung in diesem Zusammenhang erzählte mir meine Frau anlässlich eines Besuches im Waldklassenzimmer am Samstag vor dem ersten Advent:

“Stille Stunden” waren hier zwar zunächst nicht angesagt, denn sehr viele Eltern waren mit ihren Kindern gekommen, um Adventskränze zu binden oder Weihnachtsschmuck selbst herzustellen und so waren die Arbeitsplätze entsprechend voll.

Nachdem meine Frau sich den Strohrohling besorgt und festgestellt hatte, dass dort auch erfahrene “Adventskranz-Profi-Binder-Eltern und -Kinder”, versehen mit dem entsprechenden Werkzeug, zugange waren, deren Kränz wirklich gleichmäßig rund und schön wurden, und Selbstzweifel an ihren “Floristen-Fähigkeiten” verspürt hatte, machte sie sich mit unseren Kindern ans Werk.

Wenn sechs Hände an einem Kranz binden, dann wird er wohl selten rund und schön. Unserer wurde jedenfalls ziemlich ungleichmäßig. Aber er ist der erste gemeinschaftlich erstellte Kranz. In den Vorjahren hatte meine Frau den Kranz ohne Beteiligung der Kinder gebunden.

Und in all dem Trubel des Zweigeschneidens, Werkzeugausleihens, Bindens und Klebens hatten meine Frau und die Kinder dann doch noch die Erfahrung der Stille gemacht. Stilles, konzentriertes, gemeinsames Arbeiten an einem gemeinsamen Werk. Ich durfte dann später den Kranz in seiner “einzigartigen Unrundheit” bewundern.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie eine schöne Adventszeit.

Ihr Andreas Breiding